Gemeinschaftspastor Jürgen Wesselhöft

Andacht März

Da weinte Jesus. Johannes 11, 35

Trauer hat heilende Kraft. Diesen Satz habe ich behalten aus dem Seelsorgeseminar. Trauer kostet Kraft, Trauer bringt an Grenzen. Sie ordnet aber auch meine Gedanken, schenkt mir eine neue Sicht auf die Dinge meines Lebens, klärt meine Prioritäten.
Jesus weinte. Lazarus, sein Freund ist tot. Es lässt Jesus nicht kalt, er steht nicht „über den Dingen“, er ist mittendrin.
Denn auch Tränen haben heilende Kraft. Wie befreit sind manche, die die Tränen zulassen.
Die Bibel ist voll von Menschen, die trauern. Aber jetzt auch Jesus, der über Lazarus weint, den er ein paar Tage später von den Toten auferweckt.
Auch das Wissen um die Ewigkeit bei Gott führt nicht dazu, dass Menschen frei sind von Trauer; es hat nichts mit Unglauben zu tun. Wir Menschen sind für Beziehungen geschaffen. Und wenn nun eine Beziehung zerbricht, ist das immer schlimm. Wie viel mehr, wenn das durch den Tod, zumindest für diese Welt, unwiderruflich geschieht. Trauer ist nicht zuletzt ein Hinweis dafür, dass der Tod nicht „natürlich“ ist. Der Mensch lehnt sich dagegen auf, weil er der tiefste Ausdruck dafür ist, dass etwas grundsätzlich nicht mehr in Ordnung ist. Darüber wird getrauert. Ein geliebter Mensch ist nicht mehr da.
Ich bin so dankbar, dass diese Gefühlsregung von Jesus in der Bibel steht und nicht verschwiegen wird. Er trauert und weint, obwohl er doch die Hoffnung und der Trost in eigener Person ist.
Wir bleiben nicht beim Weinen stehen. Hoffentlich. In einer weiteren Trauerphase wenden wir uns wieder der Welt zu; wie schnell das geht, weiß niemand. Dabei ist es sehr hilfreich, nicht allein zu sein mit eigenen Emotionen, mit Wut und Hoffnung, mit Verzweiflung und neuem Mut.
An dieser Stelle ist die Gemeinde gefragt. Nicht wegsehen, sondern anrufen, besuchen, Kontakt halten. Emotionen aushalten. Widersprüche stehen lassen, mitweinen und dranbleiben, gerade wenn es schwer wird.

Jürgen Wesselhöft